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"Ich war im Gefängnis ..." Mt 25,36

Leitbild der Gefängnisseelsorgerinnen und -seelsorger im Bistum Essen

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Zum Geleit (Vorwort)

Mit der Gefängnisseelsorge im Bistum Essen sorgt sich die Kirche in der Nachfolge Jesu Christi um die Gefan-genen in den Justizvollzugsanstalten unserer Region. Das vorliegende Leitbild ist deshalb eine Selbstvergewisserung, wie die von der Kirche beauftragten Seelsorgerinnen und Seelsorger ihre Aufgabe verrichten wollen. Gleichzeitig erinnert es uns daran, dass die Gefängnisseelsorge sich nicht vorrangig in den Dienst des Staates, sondern zunächst in den Dienst Gottes und in die Hilfe für die inhaftierten Menschen stellt. Das verdient Aner-kennung und Würdigung. Damit verbinde ich meinen Dank an alle, die sich mit ihrer ganzen Kraft für die Gefangenen einsetzen.

Hubert Luthe

Bischof von Essen

1. Ursprung (Grundlage)

Als Katholische Seelsorgerinnen und Seelsorger im Gefängnis wirken wir mit am gesetzlichen Behandlungs-auftrag im Verbund mit den verschiedenen Diensten einer Justizvollzugsanstalt. Wir helfen dem inhaftierten Menschen bei seiner Wiedereingliederung in die Gesellschaft und seinem Bemühen um ein straffreies Leben.

Unser Leitbild und unseren Auftrag im Besonderen erhalten wir jedoch vom Glauben an den biblischen Gott der Versöhnung und der Befreiung. Der Gott, der dem Brudermörder Kain (Gen 4, 1 - 17) trotz seiner Schuld eine Zukunft ermöglichte und seinem Volk in Gefangenschaften nahe war, hat sich endgültig in Christus als ein Gott der Barmherzigkeit offenbart. Jesus Christus hatte mit Vorliebe Kontakt zu Kranken und Schuldig- gewordenen. Er gab keinen auf, stellte gestörte Gemeinschaft wieder her, ermöglichte Neuanfang und forderte deutliche Schritte der Umkehr auf Seiten der Täter und der urteilenden Menge.

Sein Wort "Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht" (Mt 25, 36) ist Leitmotiv für unser Handeln. Wir besuchen Gefangene um ihrer selbst willen und nehmen sie unabhängig von Aktenlage und Straftat als Menschen wahr und an. jeder Schuldige braucht zuerst die versöhnlichen Hände der anderen, der einzelnen und auch der Rechtsgemeinschaft und ihrer Institutionen, um in der Strafe nicht zu verhärten und neu beginnen zu können.

Im Auftrag Jesu und seiner Kirche tragen wir bei zur Versöhnung des Täters mit sich selbst, mit seinen Mitmenschen und mit Gott. Diesen Versöhnungsgedanken halten wir im Bereich der Justiz, des Strafvollzuges und des öffentlichen Umganges mit Gefangenen und Strafentlassenen wach.

2. Grenzgänger und Fürsprecher (Rollen)

In der Arbeit für Versöhnung bauen wir Brücken zwischen Menschen und sind dabei oft Grenzgänger:
Wir sind Wegbegleiter für Gefangene.
Wir halten Fürsprache für sie, wo es nötig ist, und fordern ihre Verantwortung heraus, wo diese aus dem Blick gerät.
Wir erinnern an die Opfer und ihr Leid, wo es vergessen und verdrängt wird.
Wir stehen Bediensteten als seelsorgliche Ansprechpartner zur Verfügung.
Wir halten und fördern Kontakte zu Angehörigen, die unschuldig mitleiden.
Wir halten Verbindung zu Pfarrgemeinden, weil wir gegenseitig auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind.
Wir erinnern Politiker, Bedienstete und Öffentlichkeiten die gesetzlichen Behandlungsziele.

Bei all dem spüren wir selbst den Konflikt zwischen Vergeltungs- und Versöhnungsbedürfnis und sehen auch unsere eigenen Grenzen.

Nicht zuletzt sind wir Fürsprecher bei Gott für alle, denen wir begegnen.

3. Gottesdienst und Dienst am Menschen (Felder)

Gottesdienst und Menschendienst, Begleitung in Leben und Glauben gehören für uns eng zusammen. Gotteserinnerung in Verkündigung und Sakrament ist Lebenshilfe und ein wichtiger Baustein für eine Neuorientierung. Sie geschieht vor allem in Eucharistie und Beichte, im Seelsorgegespräch, in kirchlicher Gruppenarbeit, in der Auseinandersetzung mit Bildern und Botschaft der Heiligen Schrift mit ihrem Gottes- und Menschenbild, mit ihrem Zuspruch und Anspruch.

Ebenso vermag das Gebet des Gefangenen in Gemeinschaft mit uns oder auch alleine bei langem Eingeschlossensein Trost, Kraft und Überlebenshilfe zu geben.

Im Seelsorgealltag steht die Einzelbetreuung von Gefangenen in ihren jeweiligen persönlichen Nöten im Vordergrund. Dazu gehören partnerschaftliche und familiäre Probleme, Schuld- und Sinnfragen, materielle, soziale und seelische Anliegen. Unverzichtbar ist dabei die seelsorgliche Schweigepflicht. Wichtig ist uns die Erreichbarkeit in besonderen Krisen und Notlagen sowohl für Gefangene als auch für Bedienstete.

Als Kirche im Gefängnis haben wir den Vorteil, zurückgreifen zu können auf ein Netz von Beziehungen auch über die Mauern hinweg. Dies sind kirchliche Ehrenamtliche in Einzelbetreuung und Gruppenarbeit, kirchliche Gruppen, die uns in diakonischen und liturgischen Anliegen helfen, Pfarrgemeinden, Pfarrer und andere hauptamtliche Seelsorger und Seelsorgerinnen, caritativ - diakonische Institutionen und alle, die an unserer Seelsorge Interesse haben. Wir knüpfen diese Kontakte und pflegen sie in ökumenischer Zusammenarbeit.

Schließlich stehen wir auf Anfrage für öffentliche Gespräche und Diskussionen über den Strafvollzug und unse-re Arbeit zur Verfügung.

4. Kirche und Staat (Vorraussetzungen)

Möglichkeiten und Grenzen staatlichen und kirchlichen Zusammenwirkens im Vollzug sind durch die Verfassung, insbesondere durch das Strafvollzugsgesetz geregelt. Dieses unterstreicht sowohl das Zusammenarbeitsgebot unter Wahrung der seelsorglichen Schweigepflicht als auch die Autonomie von Kirche und Seelsorge im Vollzug. Es schafft somit Voraussetzungen für unsere Arbeit mit Menschen im Gefängnis.

Letztlich auf den Grundlagen des grundgesetzlich gesicherten Rechtes auf freie Religionsausübung und auf Selbstbestimmung der Kirchen nehmen wir als vom Bischof bestellte haupt- und nebenamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger diesen Anspruch wahr und gewährleisten den Gefangenen ihr Recht auf umfassende Seelsorge.

Wir alle leben von Gottes Erbarmen, Hilfe und Vergebung. Dafür setzen wir Zeichen. In der Begleitung der Gefangenen helfen wir ihnen dabei, als Christ zu leben. Viele Gefangene selbst sind Christen mit ihren Gaben und Berufungen.

Mit ihnen zusammen sind wir Kirche.