„Es gibt viel Zerbrochenes hier"
DIETMAR JORDAN IST SEELSORGER IN DER JUSTIZVOLLZUGSANSTALT AACHEN
VON CLAUDIA DECHAMPS (TEXT) UND KLAUS HERZOG (FOTOS)
Die erste Sicherheitstür, nach zehn Metern die zweite, dann die
dritte - die Prozedur ist immer dieselbe. Mit dem großen Sicherheitsschlüssel aufschließen, die schwere Stahltür aufziehen, zufallen lassen und
wieder abschließen. Lange Flure, schwere Türen, vergitterte Fenster. Dietmar Jordan rasselt mit dem Schlüsselbund: „Mann, manchmal kann ich abends
das Ding nicht mehr sehen."
Wieder hat er eine Tür hinter sich abgeschlossen. Jetzt atmet er durch. Vor ihm liegt sein Arbeitsbereich: Die Seelsorgestation in der Justizvollzugsanstalt Aachen. Hier stehen die Türen offen, der große Gottesdienstraum lädt ein mit viel Platz und viel Licht.
Seit sechs Jahren arbeitet der 50-jährige Pastoralreferent als katholischer Gefängnisseelsorger im Aachener Knast. In dieser hochmodernen Anlage sind etwa 750 Untersuchungs- und Strafgefangene untergebracht, 51 Männer leben hier in Sicherungsverwahrung. Zusammen mit seinem evangelischen Kollegen betreut Jordan Inhaftierte in Einzelgesprächen, feiert mit ihnen Gottesdienst, leitet Gesprächsgruppen, organisiert Sonderbesuche für die Gefangenen und kümmert sich um die Menschen und das Menschliche im Knast, was hinter schweren Zellentüren nur allzu oft verborgen und vergessen wird.
„Auch ein Knacki - egal was er sich hat zu Schulden kommen lassen
- hat Hoffnungen, Wünsche und Träume. Er lacht und weint wie die draußen auch." In jedem Knastbruder sieht Seelsorger Jordan den Menschen und gibt
zu: „Manche meiner Knackis habe ich richtig gern." Genauso offen gesteht er, bei einigen Verbrechern froh zu sein, dass sie hinter Gittern säßen und
dort zu bleiben hätten. Als er einen Kindermörder zu betreuen hatte, „da habe ich schon geschluckt vor dem ersten Gespräch und dem habe ich dann auch
gesagt, dass ich seine Tat zutiefst verabscheue."
Auch ein Gefängnisseelsorger habe Gefühle und dürfe die aussprechen. Gleichzeitig gibt es für Jordan in jedem noch so gescheiterten Menschen etwas Heiliges, dem er gegenübertritt mit Respekt.
Na, Männer, wie geht's?", ruft er den Gefangenen kumpelhaft zu, wenn er die Seelsorgestation verlässt und durch die Gefängnisflure läuft. Im persönlichen Gespräch aber redet er jeden Inhaftierten mit „Sie" und seinem vollen Namen an. „In einem Gefängnis ist so vieles würdelos", sagt er. Da will er mit seinem Verhalten sein Gegenüber spüren lassen: Auch du hast einen Wert, etwas Unantastbares, eine Würde, die dir niemand nehmen kann.
In „Flur 2.0" stehen die Zellentüren auf. Gefangene unterhalten sich auf dem Gang, ein Häftling winkt Jordan zu: „Mittagspause ist um, ich muss zur Arbeit." Flur 2.0 ist ein bisschen die Vorzeigeabteilung des modernen Aachener Knastes. Hier sind junge Männer zwischen 21 und 29 Jahren untergebracht, mit Absicht getrennt von älteren, erfahrenen „Kollegen" und ihrem Einfluss. Alle Männer hier rücken regelmäßig zur Arbeit in den Gefang-niswerkhallen aus.
„Ich hab' doch versagt da draußen, vor wem kann ich mich noch sehen lassen mit meinen Bruchlandungen?", fragt ein junger Gefangener. An seine Zellentür hat er einen Jesus geklebt, der das Kreuz auf der Schulter trägt.

„Wenn es die Seelsorger hier nicht gäbe, würden viele ganz gut abstürzen", meint der 24-jährige Rene, der außer Heimen und Gefängnissen nicht viel kennt. Der gleichaltrige Christian bekennt: „Ich habe Herrn Jordan schon oft in Anspruch genommen." Er schildert die Verzweiflung, die einen Gefangenen überfällt, wenn der angekündigte Besuch nicht gekommen ist und man erst nach Antrag zu Hause anrufen darf, um nach dem Grund zu fragen. Da ist er froh, dass es den Seelsorger gibt. Zwar muss man ein Gespräch mit ihm auch schriftlich erfragen, aber dann hört er zu, hält aus, trägt mit.
Nur Erstgespräche führt Jordan in der Zelle - immer ohne Überwachungsgerät.
Das ist ein landesweiter Konsens der Gefängnisseelsorger. Im Vokabular des Strafvollzuges hat das Wort Seele wenig Raum. Schmerz, Tränen, Sehnsucht
-davon steht nichts in den Akten. Männer weinen heimlich. In die Kapelle neben dem Gottesdienstraum kann jeder sich nach Absprache für einige Zeit
zurückziehen. „Und wenn es sein muss, sitze ich auch mit dem Mann da und teile sein Leid und die Verzweiflung über sein Schuldig-Geworden-Sein. Über
das, was er den Opfern, seinen Angehörigen und sich selbst mit seiner Tat angetan hat, über alles, was zerbrochen ist."
In Jordans Gesprächszimmer in der Seelsorgestation - der VIP-Lounge, wie der Raum scherzhaft genannt wird - warten immer eine heiße Tasse Kaffee und eine brennende Kerze auf den Gefangenen. Wohltuende Zeichen der Wertschätzung für einen Verurteilten. Ein heiteres Bild an der Wand, helle Sitzpolster, Grünpflanzen und ein schlichtes Holzkreuz - das Gesprächszimmer unterscheidet sich angenehm von allen anderen Räumen im Gefängnis. „Das hier ist ein geschützter Raum, nichts dringt nach außen, wird in Akten vermerkt oder an Dritte weitergegeben", macht Jordan klar. Hier wird gelacht und geweint, geflucht und gebetet. Wenn es sein muss, kann ein Inhaftierter mehrmals in der Woche ein seelsorgliches Gespräch in Anspruch nehmen. Manche kommen einmal die Woche, manche einmal im Monat. „Es gibt so viel Zerbrochenes, so viel Leid und Wut hier im Knast", erlebt Jordan immer wieder.
Flur 2.1: Im kalten Licht der Deckenbeleuchtung zieht ein Hausarbeiter
den Essenswagen durch den Gang. Eine geschlossene Abteilung, alle Zellentüren sind verriegelt. So auch Tür Nr. 25. Ein großer Sicherheitsriegel, ein
Spion und ein kleines Schild, auf dem steht: „Belegt mit 1 Gefangener / ohne Arbeit". Kein Name. Der Beamte öffnet. Ein Mann in Anstaltskleidung
kommt heraus, hält dem Hausarbeiter seinen Teller hin. Der klatscht drei Kellen einer nach Nudeln aussehenden Masse drauf.
„Manche hier haben die Einstellung, dass die Knackis es doch nicht besser verdienen", sagt Jordan. Im Zusammenspiel mit Angestellten und Verwaltung gibt es für ihn gelegentlich Reibungen. Das fängt an mit dem alljährlichen Ringen um eine kleine Weihnachtstüte für jeden Häftling, und es endet bei Jordans mahnenden Worten, wenn ein Schwerverbrecher nach allen erlaubten Regeln vom Personal schikaniert wird. „Natürlich gibt es das", sagt er und zuckt mit den Schultern, keine Geste der Gleichgültigkeit, eher Ausdruck seiner Bodenhaftung. Er hat schon viele menschliche, unvorstellbare Abgründe gesehen. Der Gefangene geht in seine Zelle zurück. Vier Meter fünfzig bis zum Fenster, rechts das Bett, ein Meter bis zum Tisch gegenüber. An diesem Tisch isst er seit Jahren seine Mahlzeiten, allein. Der Fernseher läuft und berichtet, was draußen passiert. Aber der Apparat spricht nicht mit dem Gefangenen.
„Wie soll sich ein Mensch da weiterentwickeln?", fragt Jordan.
Doch er sieht ganz nüchtern die Tatsachen. Wer hier ist, sitzt nicht ohne Grund. Jordan ist kein Sozialromantiker. Die Zellentür wird wieder
geschlossen und verriegelt. Das Aachener Gefängnis gilt als ausbruchsicher, hierher werden Schwerverbrecher verlegt. Jordan blickt auf die Zellentür:
„23 Stunden sitzt ein Mensch in dieser Zelle, 23 lange Stunden und eine Stunde Hofgang." Die Aussichtslosigkeit wirkt auf auch den Besucher bedrückend.
Fast erleichtert hört der hinter sich die Stahltür zu Flur 2.1 zufallen. Jordan ist jeden Tag hier mit eingesperrt. „Schön schwer ist die Arbeit im
Knast", sagt er. Er gehe mit einer „gelassenen Leidenschaft" an sie heran.
Der Arbeitstag beginnt für Jordan mit einer halben Stunde Gebet. „Da bitte ich um Kraft und Unterstützung." Im Gebet stellt er manchen Menschen, dem er im Moment nicht weiterhelfen kann, „einfach vor Gott".
Jordan sorgt dafür, dass er alles Schwere, Traurige, was er aufnehmen muss, auch wieder abladen kann. Aber wer im Freundes- und Bekanntenkreis will schon ständig Knastgeschichten hören? So geht Jordan beispielsweise regelmäßig in Exerzitien. „Ohne die könnte ich nicht leben." Sein Glaube ist eine wichtige Energiequelle. Immer wieder begeistern kann er sich etwa für den Altar im Gottesdienstraum der JVA: Eine gebrochene Glasplatte wird gehalten von einem blauen Glaskreuz. „Gott ist ein Tätigkeitswort hier im Gefängnis", findet Jordan.
Und abends fährt der Knast-Seelsorger die Himmelsleiter hoch - so heißt die Straße, die in sein Eifeldorf führt. Jordan ist froh, einen 40 Kilometer langen Heimweg zu haben, auf dem er die Arbeit hinter sich lassen kann. Denn zu Hause will er auch mal ein anderer Dietmar Jordan sein. Einer, der gerne lacht. „Damit die Leichtigkeit des Lebens nicht auf der Strecke bleibt", sagt er.
aus "LiMa - Liborius Magazin" Ausgabe 04, 2006
